Aufgrund der Dynamik des Spannungsfelds zwischen externen Treibern, bspw. komplexe Kundenwünsche sowie
zunehmender Wettbewerb, und unternehmensinternen Zielen kommt einer schnellen Reaktionsfähigkeit eine besondere
Bedeutung zu. Die kontinuierlichen Anpassungen an diese sich wandelnden Rahmenbedingungen führen u.a. zu einem
steigenden Anpassungsbedarf bei der Produktionsplanung- und -steuerung insb. auch noch bereits während der
Produktion. Die Zielkonflikte zwischen den produktions-logistischen Zielgrößen Bestand, Durchlaufzeit,
Termintreue und Auslastung sowie der Ressourcenkonflikt (Zuordnung von Aufträgen zu begrenzten Ressourcen)
verstärken diesen Effekt. Die Umsetzung dezentraler (Fein-) Steuerungsmöglichkeiten gewinnt daher zunehmend
an Gewicht. Eine Lösungsmöglichkeit kann hierbei im Übergang von zentralen Produktionssteuerungskonzepten
hin zu mehr flexiblen, dezentralen Steuerungskonzepten bestehen. Ein dezentrales Produktionssteuerungskonzept
benötigt im Vergleich zu zentralen Lösungen jedoch ein höheres Angebot an Prozessinformationen (bspw. den
aktuellen Standort der Aufträge oder den Zustand von benötigten Arbeitssystemen). Hierfür eignet sich der
Einsatz von RFID-Technologie, da damit Informationen sehr effizient, d.h. ohne manuelle Identifikationsvorgänge
und ohne Sichtkontakt, generiert werden können. Die RFID-Technologie ist in Wissenschaft und Praxis eine viel
diskutierte Ergänzung zu bestehenden Systemen, wie dem Barcode. Bei der Anwendung der Technologie besteht dennoch
häufig Zurückhaltung, dies kann in der stetigen technologischen Weiterentwicklung, dem Fehlen von erprobten
Standards und in der vorherrschenden Unklarheit über die Vorteile und über die Wirtschaftlichkeit von
RIFD-Lösungen liegen.
Ziel des Forschungsprojekts war es ausgehend von der spezifischen Ausgangssituation ein adaptives und dezentrales
Produktionssteuerungskonzept sowie ein Instrument zur Bewertung der Wirtschaftlichkeit von RFID-Lösungen zu
entwickeln. Das Produktionssteuerungskonzept sollte auf einem Modul-Konzept erfolgen, bei dem ein betrachteter
Produktionsprozess in beliebig viele Abschnitte zerlegt werden kann, so dass für diese Module durch die
Dezentralisierung von Entscheidungen eigenständige optimale Entscheidungen getroffen werden können. Die
Entwicklung und Erprobung sollte am Beispiel der Maschinenbaubranche unter Einsatz moderner Identifikationstechnologien
wie der Radiofrequenz Identifikation (RFID) erfolgen. Darüber hinaus sollte der Einsatz von RFID zur Produktionssteuerung
unter Kosten-, Nutzen- und Risikoaspekten untersucht und ganzheitlich bewertet werden. Hierzu sollte auf Basis moderner
betriebswirtschaftlicher Methoden ein Kosten-Nutzen-Risikobewertungsmodell entwickelt werden. Fokus der Entwicklung lag
auf der Erweiterung von traditionellen Bewertungsverfahren um eine geeignete Berücksichtigung von bei RFID-Lösungen
häufig auftretenden nichtmonetären und indirekten Nutzenpotenzialen (bspw. Erhöhung der Produktionsflexibilität,
Erhöhung der Prozesstransparenz und Imageeffekte etc.). Weiterhin war es Ziel, die risikobehaftete Situation,
in der die Planung einer RFID-Lösung stattfindet, durch geeignete Instrumente zu integrieren.
Entsprechend der Zielsetzung teilen sich die Forschungsergebnisse in zwei Bereiche. Ergebnisse des Forschungsprojekts
sind zum einen das dezentrale Produktionssteuerungskonzept und zum anderen ein Instrument zur ganzheitlichen Analyse
der Kosten, Nutzen und Risiken von RFID-Anwendungen. Im Gegensatz zu zentralen Produktionssteuerungsverfahren bietet
das dezentrale Verfahren dabei grundsätzliche Vorteile, wie positive Beeinflussung produktionslogistischer Zielgrößen
sowie die flexible Anpassbarkeit eines bestehenden Auftragsprogramms an geänderte Rahmenbedingungen auch noch während
des Produktionsprozesses. Der modulare Aufbau sorgt neben einer dezentralen Steuerung für die Möglichkeit, Veränderungen
schnell und zielgerichtet vorzunehmen. In Folge der bei dezentralen Produktionssteuerungsverfahren notwendigen hohen
Datenqualität und Transparenz bzgl. der Aufträge und Ressourcen ist eine Genauigkeit der Steuerung erreichbar, die zentrale
Steuerungssysteme zumeist bewältigen können. Diese Rückmeldedaten können einmalig an das übergeordnete zentrale (ERP-)System
übergeben werden, um dessen Belastung zu minimieren. In Abhängigkeit von der Aggregationsebene besteht durch die modulare
Struktur des neuen Produktionssteuerungskonzepts die Möglichkeit, beliebig viele Feinsteuerungspunkte in den Produktionsprozess
und damit das neue Produktionssteuerungskonzept in vorhandene Produktionsstrukturen zu integrieren. Die Produktionsprozesse
können so schnell und einfach in eine transparente „Prozessmodul-Landkarte“ überführt werden. Des Weiteren werden
unterschiedliche Steuerungsmöglichkeiten in einzelnen Prozessmodulen oder ganzen Prozessabschnitten, die aus mehreren
Prozessmodulen bestehen, ermöglicht. Auf diese Weise erhält der verantwortliche Mitarbeiter z. B. die Möglichkeit der
Auftragsbeschleunigung/-verzögerung und die Möglichkeit der zusätzlichen Auslastung von Engpassressourcen. Mit dem
entwickelten Konzept einer erweiterten Wirtschaftlichkeitsanalyse wurde ein Instrument entwickelt, dass es Unternehmen
ermöglicht den Einsatz von RFID ganzheitlich zu bewerten. Hierzu werden in einem ersten Schritt die sich aus der Lösung
ergebenden Potenziale ganzheitlich identifiziert und deren Zusammenhänge in Form einer Evaluation Map aufgezeigt. Zur
Messung der Veränderungen werden für jedes Potenzial Kennzahlen definiert und auf Basis der Ausgangswerte für die Potenziale
am Anfang einer Ursache-Wirkungskette Sollwerte bestimmt. Durch die Annahme von Effektstärken der Ursache-Wirkungsketten
können die Veränderungen der nichtmonetären Effekte bis auf die monetären Effekte berechnet werden. Um die Risiken zu
integrieren können für alle zu treffenden Annahmen Verteilungsfunktionen anstelle von fixen Werten angenommen werden.
Dies erleichtert die Bewertung und erhöht die Objektivität der Annahmen. Durch den Einsatz von Simulationssoftware kann
letztlich nicht nur ein fester Wert als Ergebnis der Wirtschaftlichkeitsanalyse sondern Aussagen über die Wahrscheinlichkeit,
mit der eine Investition wirtschaftlich ist generiert werden. Weiterführende Analysen (bspw. Sensitivitätsanalysen) weisen
die kritischen Erfolgsfaktoren der Investition aus.